Im letzten Törn wurde ein anschaulicher und ausführlicher Bericht über die im Jubiläumsjahr 1975 abgelaufenen Veranstaltungen und sonstigen Ereignisse gegeben. Darüber hinaus wurde über das Vereinsleben ,der Jahre 1976 und 1977 berichtet.

Beim Kompanieschießen im Mai dieses Jahres konnte der Kaleu der Gesellschaft Marine, unser Kamerad Heinz Brückmann die Platte aus der tiefen Stellung mit einem wohlgezielten Schuß herunterholen. Das war für alle eine Riesenüberraschung. Bei unseren passiven Mitgliedern konnte Karl Hasselmann zum ersten Mal ,die Königswürde erzielen. Er hatte die notwendige Ruhe zu einem tollen Schuß.

Kamerad Hans Schmitz wurde mit 85 Ringen von 100 möglichen bester Schütze des Jahres 1978/79.

Wie schon im fünften Törn der Ausgabe 1974 angedeutet, wollen wir nur ,dann über den weiteren Werdegang unserer Gesellschaft berichten, wenn es sich lohnt, auf Aktuelles aufmerksam zu machen. Vielmehr wollen wir anschließen an die bisherigen Abhandlungen ,,Das Erleben des Meeres" und ,,Das ewige Meer" mit

,,Meeressagen, Seernannslatain, Spuk und Aberglaube".

Mit dem Ausdruck ,,Seeemannslatain" bezeichnet man Münchhausiaden und Aufschneidereien von ,,Garn spinnenden" Seeleuten. Meist sind sie harmlse Neckereien, oft auch soll mit ihnen überklugen und wichtigtuerischen Landratten eine Abfuhr erteilt werden. Manchmal ist das Seemannslatein leider auch nur reine Wichtigtuerei geltungsbedürftiger Halbseeleute. Früher wurden Greuelgeschichten häufig bewußt erfunden, um unliebsame Konkurrenz zur See abzuschrecken.

Wir wissen heute aber, daß sehr viele der alten Sagen und Märchen einen Grundstoff altüberlieferten Wissens um verschollene Zeiten besitzen. So hat die Forschung der Gegenwart festgestellt, daß in den Jahrtausenden vor der Zeitrechnung der Bemstein nicht in der Ostsee, sondern in der Nordsee gewonnen wurde.

Die alten Sagen vom Magnetberg sind auf damals unbekannte Meeresströmungen zurückzuführen, die nicht ausgesegelt werden konnten, wie es z.B. den Wickingern im Gebiet des Labradorstromes erging. - Die ,,schwimmenden Inseln kennen wir heute als Luftspiegelungen, die wir Fata Morgana nennen. Seeschlangen kann es vor 4000 Jahren als letzten Rest inzwischen ausgestorbener Urtiere gewiß noch gegeben haben, sind doch die ägyptischen ,,Tempeltiere" historisch. Heute bestehen aber Seeschlangen aus Tangbündeln im Seegang, aus in Kiellinie schwimmenden Delphinen oder aus den Strahlenbrechungen eines ,,treuen Whyskiauges".

Das St.-Elms-Feuer, bestehend aus elektrischen Lichtbüscheln, die bei Gewitter oder Schneegestöber von den Raaen oder Mastspitzen ausgehen, wird schon in der Argonautensage und von Horaz, Euripides und Ovid erwähnt. 1418 nennt es der Seigneur du Chaumont ,,St. Helm".

Zu allen Zeiten herrschte zur See der Opfergedanke, und zwar in der Form, daß man edle Götter ehrte oder bösen Göttern Spenden darbrachte, um sie milde zu stimmen. Besonders bei gefährlichen Vorgebirgen, Meerengen usw. wurden schon im Altertum meist Trankopfer von den Seeleuten dargebracht, und auch die Sektflasche beim Stapellauf ebenso wie die Linien-(Aquator)-Taufe sind auf Nachklänge alten Opferbrauches zurückzuführen.

Furchtbare Folgen entstanden aus dem Aberglauben, ,die Seedeiche könnten nur ,,fest", d.h. gegen böse, geheime Gewalten der Sturmflut gefeit werden, wenn man lebende Menschen in sie einschloß. Als es nach dem Dammbruch der Weihnachsflut von 1717 zwanzig Jahre lang nicht gelang ,den Deich zu schließen, wurde 1740 ein Zigeunerkind gekauft und lebend in ihm eingegraben. In älteren Zeiten soll ähnliches auch bei dem Eihdeich von Wischhafen bei Bremen und Jeverlande vorgekommen sein.

Der Aberglaube, der Freitag sei ein Unglückstag für das In-See-Gehen von Schiffen, ist aus einer christlichen Herabsetzung ,des Freya-Tages entstanden. Noch heute finden wir, daß gerade in den Nord- und Ostseeländern, und zwar in vielen Orten, Hochzeiten ausschließlich am Tag der ,germanischen Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit stattfinden. Leider hat der Glaube, daß In-See-Gehen eines Schiffes an einem Freitag bringe Unglück, tatsächlich schon viel Unheil verschuldet. Durch den Aberglauben entstand ein bedrückendes Gefühl der Unsicherheit. Brach dann eine kleine Havarie aus, fehlten klarer Kopf und Widerstandswille; die Erscheinung wurde als unabwendbares Geschick hingenommen, das bei der vorhandenen Panik- und Lethargiestimmung nun tatsächlich seinen Lauf nahm.

Der Name des Schiffskobolds Klabautermann stammt von dem Wort ,,Klütern", d.h. emsig sein, oder von Poltern her. Er ist wie alle Zwerge ein Freund des Menschen; waren es ja doch auch kunstfertige Zwerge, die das Wunderschiff Skidbladnir bauten. So kommt der Klabautermann erst dann an Bord, wenn dem Schiff Gefahr droht. Dann steht der kleine Zwerg mit seinem roten Haarschopf, weißem Bart und seinen grünen Zähnen am Mast. Erst wenn keine Rettung für das Schiff mehr vorhanden ist, wenn es ,,von allen guten Geistern verlassen ist, geht auch der Klabautermann von Bord.

Die vielen Toten- und Gespensterschiffe wurden zuerst gesichtet, als die Schiffahrt um das Kap der Guten Hoffnung und um Kap Horn begonnen hatte. Bei den dortigen schweren Stürmen gingen sehr viele Schiffe zugrunde. Sicher haben ängstliche und abergläubische Besatzungen einzelner unversehrter Schiffe in gespensterhaften Sturmnächten treibende Wracks gesichtet oder von havarierten Seglern Hilfeschreie herüberschallen hören. So entstanden die Sagen vom ,,Totenschiff", vom ,,Fliegenden Spanier" bei Kap Horn und dem ,,Fliegenden Holländer", dessen Kapitän einmal der Deutsche von Falkenberg oder der Holländer van Diemen sein sollte oder der Focke oder van der Decken hieß. Dieser hatte bei Tod und Teufel geschworen, um das Kap der guten Hoffnung zu segeln, und sei es bis zum jüngsten Tag. Wer ihn traf, schwebte in Gefahr, und deswegen takelten sich öfters Seeräuber als Geisterschiffe auf, um die wundersüchtigen Menschen jener Zeit einzuschüchtern.

Es soll Glück bringen, wenn man bei dem Bau eines Seglers eine Silbermünze in den Fuß des Großmastes einzimmert. Wenn bei Windstille alles Kratzen am Maste nicht hilft, so frischt der Wind bestimmt auf, wenn man eine Hai-fischflosse am Klüverbaum festnagelt.

Immerhin wird heute auch die Bedeutung des geheimnisvollen Barometers und aller sonstigen technischen Hilfsmittel als Wetter- und Windmacher nicht unterschätzt.

H: D. Haupt